(Bericht von osthessen-zeitung.de vom 27.Februar 2021)

Osthessen (fs) – So positiv der hessische Öffnungsplan auch ist, hat er für den hessischen Amateurfußball doch weitreichende Konsequenzen: Der vom Hessischen Fußballverband (HFV) anvisierte Starttermin am 18. April ist dadurch vom Tisch, sogar die favorisierte Lösung, immerhin die Vorrunde zu beenden, ist akut gefährdet. Wir haben uns bei den osthessischen Vereinsvertretern umgehört – und fast alle würden die Saison annullieren.

Noch am Montag bei der „Babbelstunde“ im Fußballkreis Schlüchtern hatte Verbandsfußballwart Jürgen Radeck den Plan skizziert, mit einem Start am 18. April alle Ligen zu Ende bringen zu können, gleichzeitig aber auch gewarnt: „Wenn wir erst im Mai starten können, wird es quasi unmöglich.“ Auf Kreisebene wäre das bei maximal sechs ausstehenden Nachholspieltagen kein Problem, allerdings soll auch die Saison nicht über den 13. Juni hinaus verlängert werden, sondern nur das darauffolgende Wochenende maximal für mögliche Entscheidungsspiele bereitgehalten werden. Das hessische Öffnungskonzept, das Ministerpräsident Volker Bouffier am Donnerstag vorgestellt hat, sieht nun allerdings vor, dass Mannschaftssport bei einem positiven Pandemieverlauf überhaupt erst ab dem 19. April erlaubt wäre – inklusive vier Wochen Vorbereitungszeit könnte der Ball also erst am 16. Mai wieder rollen.

Geht es direkt mit einem Doppelspieltag an Christi Himmelfahrt (13. Mai) los, blieben immerhin acht Spieltage (inklusive Doppelspieltagen an den Feiertagen), um die Saison bis zum 13. Juni zu beenden. Das wäre zwar mit der heißen Nagel gestrickt, könnte beispielsweise in der Hessenliga aber noch reichen, um die noch ausstehenden maximal acht Spiele zu beenden. In Ligen wie der Gruppenliga Fulda, wo beispielsweise Kressenbach/Ulmbach noch acht Spiele zu bestreiten hat, wird es dann schon eng, von der Gruppenliga Frankfurt Ost mit noch bis zu 13 ausstehenden Spielen ganz zu schweigen. Eine Entscheidung will der HFV nach der Ministerpräsidentenkonferenz dann in seiner Sitzung am 11. März treffen.

„Weiterspielen ist im Sinne des Sports“

Die Meinungen, wie der HFV jetzt entscheiden sollte, gehen naturgemäß weit auseinander: Volker Bagus, Sportlicher Leiter von Hessenliga-Spitzenreiter SG Barockstadt Fulda-Lehnerz, betont verständlicherweise: „Wir wollen natürlich gerne weiterspielen, damit die Saison gewertet wird und uns der Aufstieg in die Regionalliga nicht verwehrt bleibt. Dass die Mannschaften von unten nicht weiterspielen wollen, ist auch klar. Aber es ist im Sinne des Sports, gezeigte Leistungen auch zu bewerten. Es sollte Auf- und Absteiger geben“, betont Bagus, den auch eine Vorbereitungszeit von nur drei Wochen nicht abschrecken würde: „Wenn für alle Mannschaften die Voraussetzungen gleich sind, dann nehmen wir das an. Wenn keiner Vorbereitungsspiele machen kann, dann ist das eben so. Und wo ist dann das Problem, Doppelspieltage zu spielen? Wir wollen doch alle nur wieder Fußball spielen und sehen.“

Anders sieht das beispielsweise Martin Hohmann, Abteilungsleiter von Ligakonkurrent Buchonia Flieden: „Den 18. April hatten wir zwar schon länger im Hinterkopf, aber ich habe schon länger gedacht: Diese Saison spielen wir nicht mehr. Es wird zu einer Annullierung kommen“, vermutet der frühere Borussentrainer, der trotzdem froh über die in Aussicht gestellten Lockerungen ist: „Die Jungs haben mehr als ein halbes Jahr keinen Fußball gespielt und sind alle heiß drauf. Das ist aber auch wichtig für den Nachwuchs und andere Sportarten: Ich frage mich schon, was diese lange Pause tatsächlich bedeutet, irgendwann haben die Jungen keinen Bock mehr. Besonders hart betroffen ist da der Handball.“

 

„Es gibt Wichtigeres als Fußball“

Ebenfalls für eine Annullierung der Saison ist Heiko Rützel, Noch-Spielertrainer der Eichenzeller Britannia in der Verbandsliga: „Natürlich diskutiert man viel, aber ich sehe nicht viel Sinn darin, nach sechs, sieben Monate Pause noch eine Vorbereitung zu absolvieren, um diese sechs Spiele durchzuziehen. Vielleicht sollte man einfach sagen, dass man die Saison abbricht.“ Auch wenn der 37-Jährige genau weiß, dass sich dann wieder Vereine beschweren, die eine gute Runde gespielt haben, sei das womöglich die gerechtere Lösung: „Wenn man so wie bei uns von fünf Absteigern ausgehen muss und am Ende irgendwo ein, zwei Punkte den Ausschlag geben, aber noch 17 Spiele fehlen muss man schon fragen, ob das dann gerecht ist.“ Zumindest mit einer Vorbereitungszeit von vier Wochen könnte Rützel gut leben.

Auch Udo Wischniewski aus dem Führungsteam des Verbandsligisten SG Ehrenberg sagt: „Meiner Meinung nach sollte die Saison annulliert werden, dann fängt man lieber früher wieder an. Die Jungs sollten austrainiert sein, wenn es wieder losgeht und aktuell machst du ja nur Kompromisse: Du musst Abstriche beim Spielplan machen, bei den Zuschauern, bei den Einnahmen und die Verletzungsanfälligkeit wird extrem hoch sein.“ Der Funktionär gibt allerdings zu bedenken, dass die Diskussion aktuell fehl am Platze sei: „Das Überleben der Wirtschaft, der Gastronomie, des Einzelhandels – das kommt alles vor dem Fußball. Es gibt Wichtigeres als Fußball. Aktuell haben wir schon wieder über 10.000 Neuinfektionen in ganz Deutschland, da brauchen wir nicht über Fußball reden.“

Ebenfalls nicht mehr wirklich an eine Fortsetzung glaubt Matthias Weber, Sportlicher Leiter beim Gruppenligisten SG Bronnzell: „Ich glaube nicht, dass überhaupt noch die Vorrunde machbar ist. Gerechtigkeit bekommst du eh nur, wenn du die Saison komplett durchziehen kannst – und wenn dann der Zeitpunkt zum Trainieren überhaupt erst nach den Osterferien liegt, dann müsste man die Saison annullieren und eben nochmal starten“, findet Weber, der ergänzt: „Das wäre natürlich schade für Mannschaften wie Kerzell oder Hosenfeld, die eine Bombenrunde spielen. Aber gerecht kannst du es einfach nicht machen.“ Von der Idee von Fuldas Kreisfußballwart Thorsten Beck, die Sommerpause quasi ausfallen zu lassen und möglichst früh in die Saison 2021/2022 zu starten, hält der Bronnzeller Funktionär sehr viel: „Das Argument, dass die Spieler im Sommer weg sind, zieht eh nicht mehr. Dadurch könnte man den ganzen Spielplan entzerren, weil man teilweise ja schon sieben Spieltage im August hatte.“

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