Oddset Zukunftspreis 2016

Es ist November, ein Mittwochabend, halb sechs, schon stockdunkel und nasskalt. Drei Grad zeigt das Thermometer an der Bornwiese in Bad Soden-Salmünster. Es gibt schönere Tage für ein Fußballtraining, und doch gehen die Kicker der dritten Mannschaft der Sportgemeinschaft Bad Soden mit Begeisterung unter Flutlicht auf dem Kunstrasenplatz zu Werke. Umgesetzte Teilhabe Für viele von ihnen ist es das Highlight einer Woche, die ansonsten von der Arbeit in einer Behindertenwerkstätte geprägt ist. An diesem Abend haben in Bad Soden Fußballbegeisterte mit einer geistigen Einschränkung Teil am gesamtgesellschaftlichen Leben, sind eingebunden in Sport und Freizeit der Menschen ohne Handicap. Sie kommen aus dem Werkstatt-Team des Behinderten-Werks Main-Kinzig (BWMK) und rennen in Bad Soden gemeinsam mit Sportlern der SG dem Ball hinterher. Ein solcher Prozess wird inzwischen gemeinhin als Inklusion bezeichnet. Eine Expertin dafür und genauso für den Fußballsport steht mit dicker Jacke und Schal um den Hals am Spielfeldrand. Pia Wunderlich, die Weltmeisterin von 2003, dreifache Europameisterin und Uefa-Cup-Siegerin mit dem 1. FFC Frankfurt, ist Teil des Trainerteams. Ihre Kollegen heißen Oliver Hofmann und Wladimir Römmich.

Im Hauptberuf ist Pia Wunderlich für Sport und Kommunikation im BWMK zuständig, einem Sozialzentrum mit inzwischen 47 Einrichtungen für Menschen mit einer Behinderung, vor allem Werk- und Wohnstätten. Sie sagt: „Das Ziel einer erfolgreichen Inklusion von behinderten Menschen sollte sein, ihnen unabhängig von der Art ihrer Behinderung in allen Lebensbereichen die gleichen Zutritts und Teilhabechancen zu gewähren wie Menschen ohne Behinderung.“ „Einmal im Verein spielen“ Die SG Bad Soden hat sich an die Umsetzung des Inklusionsgedankens gemacht – in Form einer neu gegründeten dritten Mannschaft. Wie kam es dazu? Im BWMK gibt es seit vielen Jahren ein sogenanntes Werkstatt Fußballteam. Für jene Mannschaften werden jedes Jahr verschiedene Turniere und auch Deutsche Meisterschaften der Werkstätten für behinderte Menschen ausgetragen. Dabei belegte das BWMK-Team 2014 und 2015 jeweils den zweiten Platz. Alles schön und gut, doch viele äußerten den Wunsch, „einmal in einem Verein zu spielen“, wie Pia Wunderlich skizziert. Zwar sei hin und wieder der eine oder andere in einem regulären Klub zum Einsatz gekommen, meist aber erst, wenn man schon uneinholbar in Führung lag. Inklusion sieht anders aus.

Doch das Gute lag nahe: Zufälligerweise steht der BWMK-Vorstandsvorsitzende Martin Berg im Ehrenamt der SG Bad Soden vor. Die Personalunion beförderte das Projekt, und im August 2015 startete die SG Bad Soden III als Inklusionsmannschaft mit 15 Spielern aus dem BWMK-Team sowie Akteuren aus der zweiten Bad Sodener Mannschaft in den offiziellen Spielbetrieb der Kreisliga C Schlüchtern. Gewinnen ist zweitrangig In der ersten Begegnung setzte es eine 1:7-Schlappe gegen den SV Niederzell II. „Bei 35 Grad“, erinnert sich Pia Wunderlich. Da die Spielzeit bei Werkstatt-Turnieren nur 30 Minuten beträgt, mussten für die 90 Spielminuten erst einmal die konditionellen Grundlagen geschaffen werden. Außerdem wird nun auf dem Groß- statt dem Kleinfeld gekickt, und die Abseitsregel war für die BMWK-Spieler ebenfalls neu. Mit nun zweimaligem Training die Woche, freitagsmorgens in Hanau, mittwochsabends in Bad Soden-Salmünster, steigerte sich das Team und beendete die erste Saison als Tabellenvierter. Aktuell belegt die SG Bad Soden III unter 15 Teams den elften Rang. Doch das Siegen ist zweitrangig, deswegen kommen möglichst alle zum Einsatz. Ist das Auswechselkontingent erschöpft, sind die Bankdrücker für die nächste Partie gesetzt. Alle haben etwas davon Positive Ergebnisse des Projekts sind bereits zu sehen. Pia Wunderlich sieht „Selbstständigkeit und das Selbstbewusstsein“ gefördert. Ein Beispiel dafür ist die Anreise zum Training: Die meisten Spieler leben in Hanau und fahren inzwischen gemeinsam und ohne Begleitung mit dem Zug nach Bad Soden-Salmünster, wo sie am Bahnhof abgeholt werden. Genauso vermittelt „die Dritte“ den Fußballern ohne Handicap neue Erfahrungen. Wie Mittelfeldspieler Julian, der an diesem Abend nicht mittrainieren kann, aber zum Zuschauen gekommen ist. „Das macht wirklich viel Spaß in dieser Mannschaft“, sagt er. „Wie sich da einer über sein allererstes Tor in einem Spiel freut, da freut man sich einfach mit! Mir hat das Team gezeigt, dass es nicht nur ums Gewinnen gehen sollte. Nach den 90 Minuten ist es egal, ob wir gewonnen oder verloren haben. Wir sitzen in der Kabine, reden und lachen.“ Gelebte Inklusion Inzwischen schauen die Mitglieder der dritten Mannschaft regelmäßig bei den Spielen der ersten Mannschaft zu und nehmen an Vereinsfesten teil. Gelebte Inklusion. Dafür ist die SG Bad Soden in diesem Jahr beim ODDSET Zukunftspreis des hessischen Sports mit dem ersten Platz und 15.000 Euro Preisgeld belohnt worden. Das war auch für Pia Wunderlich eine dicke Überraschung. Von dem Geld werde es zunächst einen neuen Satz Trikots und neue Bälle geben – und was schließlich über die Jahre so gebraucht werde. Die SG Bad Soden III ist erst einmal gut ausgestattet, und das nächste Frühjahr mit angenehmeren Trainingsbedingungen kommt bestimmt.

Oliver Kauer-Berk

Quelle: Landessportbund Hessen

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